Jänschwalde (Brandenburg) – Die Täter wollten offenbar gezielt Kurzschlüsse im deutschen Stromnetz auslösen: Nach dem mutmaßlichen Anschlag auf ein Umspannwerk im Süden Brandenburgs haben Ermittler neue Details zur Vorgehensweise bekanntgegeben. Demnach waren an selbstgebauten raketenähnlichen Sprengvorrichtungen Kupferdrähte befestigt, die beim Einschlag in Hochspannungsleitungen einen Kurzschluss verursachen sollten. Nach BILD-Informationen liegen gegenwärtig weder Bekennerschreiben noch Hinweise zu Tatverdächtigen vor.
Das Umspannwerk in Turnow-Preilack unweit des Braunkohlekraftwerks Jänschwalde (Brandenburg) im Landkreis Spree-Neiße ist am Dienstagmorgen angegriffen worden. Kurz vor 8 Uhr war der Notruf bei der Polizei eingegangen. Mitarbeiter hatten Beschädigungen an mehreren Oberleitungen gemeldet. Rund 40 Minuten später bestätigten Einsatzkräfte vor Ort die Schäden. Zudem entdeckten sie verdächtige Gegenstände und zogen Entschärfer hinzu.
Die Polizei ist vor Ort, hat den Bereich um das Umspannwerk für die Ermittlungen abgesperrt
Die Polizei bestätigte später den Fund mehrerer sogenannter unkonventioneller Brand- und Sprengvorrichtungen. Nicht alle seien explodiert, sagte eine Sprecherin des Brandenburger Polizeipräsidiums in Potsdam. Das Landeskriminalamt (LKA) übernahm die Ermittlungen.
Redmann: Gezielte Sabotage
Auf einer Pressekonferenz am Nachmittag sprach Brandenburgs Innenminister Jan Redmann (CDU) von einer gezielten Sabotageaktion gegen die Energie-Infrastruktur. Die Täter hätten versucht, mithilfe eigens gebauter Flugkörper leitfähiges Material in Hochspannungsleitungen zu schießen und so Kurzschlüsse auszulösen. In zwei Fällen sei das gelungen. Zudem fanden Ermittler weitere Vorrichtungen am Tatort. Die Zahl der sichergestellten Brand- und Sprengvorrichtungen liege inzwischen im zweistelligen Bereich.
Brandenburgs Innenminister Jan Redmann (46, CDU, Mitte) und Wirtschaftsministerin Martina Klement (CSU) bei der Pressekonferenz
Zugleich widersprach Redmann der Darstellung, es habe sich um gewöhnliche Silvesterraketen gehandelt. Die eingesetzten Flugkörper seien eigens für den Angriff gebaut worden, um leitfähiges Material in die Leitungen zu transportieren. Die Konstruktion habe erheblichen Aufwand erfordert. Ob dafür Spezialwissen notwendig gewesen sei, werde derzeit noch untersucht.
BILD-Reporter Til Biermann vor Ort
Polizei am Umspannwerk im Einsatz
Nach BILD-Informationen fanden Ermittler mehr als ein Dutzend weitere Vorrichtungen sowie umfangreiches Spurenmaterial. Die Sicherheitsbehörden gehen von einer professionell vorbereiteten Tat aus. Wer hinter dem Angriff steckt, ist bislang unklar. Ein Bekennerschreiben liegt nicht vor. Weder ein linksextremer Hintergrund noch die Beteiligung ausländischer Saboteure werden derzeit ausgeschlossen. Nach Angaben Redmanns hätte der Angriff deutlich größere Schäden verursachen können. Menschen kamen nicht zu Schaden, auch ein größerer Stromausfall blieb aus.
Kupferdrähte sollten Kurzschluss auslösen
Nach BILD-Informationen wurden rund um das Umspannwerk mehrere raketenähnliche Sprengvorrichtungen platziert. An den selbstgebauten Geräten waren Kupferdrähte befestigt, die beim Auftreffen auf die Oberleitungen gezielt einen Kurzschluss verursachen sollten. Mindestens eine dieser Vorrichtungen wurde umgesetzt und beschädigte nach Angaben der Ermittler eine Freileitung.
Die Entschärfungsarbeiten dauern auch am Dienstagabend noch an. Spezialisten machen weitere aufgefundene Sprengvorrichtungen unschädlich und sichern Zündsätze. Dabei werden die Einsatzkräfte vor Ort auch von Bombenentschärfern der Bundespolizei unterstützt.
Innenminister Jan Redmann bestätigt Ermittlungen: Mutmaßlicher Anschlag auf Brandenburger Umspannwerk
Für Mittwoch hat die Polizei zudem eine groß angelegte Absuche des Geländes und der umliegenden Bereiche angekündigt. Ermittler wollen ausschließen, dass sich weitere gefährliche Vorrichtungen in der Nähe des Umspannwerks befinden. Gleichzeitig wurden die Schutzmaßnahmen an anderen Energie-Anlagen verstärkt.
Netzbetreiber spricht von unbekannten Tätern
Auch der Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz sprach von Sachbeschädigungen an mehreren Leitungen. In einer Mitteilung erklärte das Unternehmen: „Bislang unbekannte Täter haben heute Morgen, 1. September 2026, vermeintlich Sachbeschädigungen an mehreren Leitungen im Übertragungsnetz von 50Hertz begangen.“ Es habe eine kurzzeitige Leitungsunterbrechung gegeben. Das Energieunternehmen Leag geht nach dem Fund der Vorrichtungen von einem Anschlag aus. Das Umspannwerk speist den im Kraftwerk Jänschwalde erzeugten Strom in das Übertragungsnetz von 50Hertz ein.
Auswirkungen auf die Bevölkerung habe es jedoch nicht gegeben. Ein Stromausfall konnte verhindert werden. Nach bisherigen Erkenntnissen wurden keine Menschen verletzt.
Ministerpräsident: Lassen uns nicht erpressen
Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (64, SPD) verurteilte den Angriff scharf. „Wer versucht, unsere kritische Infrastruktur zu sabotieren und das gesellschaftliche Leben zu lähmen, greift uns alle an“, erklärte er. „Wir lassen uns von krimineller Energie weder erpressen noch verunsichern.“
Redmann sieht den Vorfall zugleich als Beleg dafür, wie verwundbar Deutschlands kritische Infrastruktur ist. Energie-, Telekommunikations- und Verkehrsnetze müssten besser geschützt werden. Sein Ministerium arbeite bereits an gesetzlichen Änderungen, die Betreibern kritischer Infrastruktur zusätzliche technische Schutz- und Überwachungsmöglichkeiten eröffnen sollen.













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